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Von den Mitarbeitern auf den Glasdiaplatten

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Das Wetter war gut. Es war viel Unruhe in Neuerkerode. Einmal wieder. Der Photograph war mit seinem Zweispänner aus Braunschweig gekommen. Einmal wieder. Direktor Pastor Broistedt war es wichtig, dass seine Anstalt photographiert würde. Die kecken Jungs aus dem Schulknabenhaus nannten ihn den Alten.

Die älteren Diakone, die einmal aus dem Stephanstift aus Hannover gekommen waren, sagten: Der Herr. Der Photograph hatte mit seinen in viele Kisten verpackten Apparaturen schon viele Winkel und Ecken der schon jetzt, im Jahr 1910, großen Anstalt Neuerkerode  auf die Glasplatten gebannt, und immer war auch der Alte, der Herr mit seinem langen dunklen Bart in würdiger Haltung auf der Photographie zu sehen. Aber heute war es anders: Heute sollen Mitarbeitende photographiert werden. Die Mutter Oberin Meta Jacobi soll als erste vor dem großen Holzkasten stehen, noch einmal wischt sie über eine matte Stelle auf ihrem Silberkreuz und zieht das Kleid straff. Die Fräulein Lehrerinnen gehen wieder und wieder mit einem Tuch über ihre Schuhe, die Wege sind doch etwas schlammig vom letzten Regen und gepflastert sind sie noch nicht alle. Neuerkerode ist eigentlich immer eine Baustelle: Das Krankenhausgebäude ist gerade fertiggestellt und nun baut man auf der anderen Straßenseite das Haus, in das die Kinder einziehen sollen. Zoar wird es wohl heißen, für die Kleinen. Elektrisches Licht wird in die Häuser verlegt, in manche Gebäude kommen sogar diese neuartigen Fernsprechapperate. Und noch eine Gruppe soll der Photograph heute noch fotografieren: Ein Gruppe der jungen Diakone. Sie sind so ganz anders, als die älteren Brüder, sie legen ganz viel Wert auf ihre Freizeit. Als Schöngeister wollen sie sich dem Photographen präsentieren. Mit Buch und Laute und Tabakpfeife. Und einem Bild des Heilandes im Hintergrund. Sie lassen sich gern photographieren, die jungen Diakone, die Lehrerinnen und Mutter Oberinnen. Doch, alle fühlen sie sich wohl hier in der Anstalt, wo so viele Aufbrüche stattfinden.