Günter Appel,der Grüne Herr

Schwer, aber lohnend

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Erst einmal ist Stille. Und der Patient und ich betrachten schweigend den Engel, das Altarbild in der Theodor-Fliedner-Kirche. Dann, nach einer Weile, frage ich: Möchten Sie mehr dazu hören? Manche möchten das, manche aber auch nicht.

Gott ist die Liebe, steht am linken Engelsflügel. Das ist der Schlüsselsatz für meinen christlichen Glauben. Am rechten, dem gebrochenen Engelsflügel, steht: Fürchtet euch nicht. Hier sage ich dann, dass wir nicht tiefer fallen können, als in Gottes Hand – eine schöne Vorstellung, finden Sie nicht? Das gibt Hoffnung. Das ist, so denke ich, auch ein Trost für all die, die nicht gläubig sind.

Viele der Menschen, mit denen ich hierher komme, sind unsicher. Sie hadern mit sich, ihrer schweren Krankheit, dem Alter oder ihrem Umfeld. Sie stehen an ihrem Lebensende. Oft fließen Tränen und es fällt der Satz: Wenn meine Mutter gewusst hätte, dass ich noch einmal in die Kirche gehe. Manche halten es auch nicht aus und möchten raus. Mit denen, die bleiben möchten, zünde ich eine Kerze an und sage: Denken Sie an etwas Schönes! Manche vertrauen mir in diesem besonderen Raum, einem geschützten Raum, Dinge an, die sie ihrer Familie nicht sagen würden. Viele danken mir nachher und sind sehr erleichtert.

Ich bin dankbar, dass ich als Kriegsgeborener, dem kaum Gefühle gestattet waren – ein Junge weint nicht – hier, als Grüner Herr im Marienstift, meine Gefühle zulassen darf und kann. Und auch Zuhören und Aushalten gelernt habe. Diese ehrenamtliche Arbeit ist manchmal schwer, aber sie lohnt sich!