Christian Hundertmark ,war von Anfang an dabei

Ich war in der Elitetruppe

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Ich war zwar nicht der erste Zögling, den der werte Herr Pastor Stutzer damals bei sich in Erkerode aufgenommen hat, das war der Otto Gerecke, der war drei Jahre jünger als ich, aber auf meiner Akte steht „N:5“.

Christian Hundertmark aus Scharfoldendorf. Das ist nicht weit entfernt von der Weser bei Holzminden. Geboren war ich am 20 Februar 1861.

Der 28. August im Jahre 1868 war das, als man mich nach Erkerode brachte. Ein Freitag war das und ich war siebeneinhalb Jahre alt. Gut zwei Wochen später haben wir dann ganz festlich die offizielle Einweihung der Idiotenanstalt zu Erkerode, wie es damals hieß, gefeiert.

Auf dem Deckel meiner Akte steht übrigens auch noch, dass ich am 20. November 1940  morgens um 7 ½ Uhr gestorben sei. An Magenkrebs.  

Je älter ich wurde, je mehr hat man hohen Gästen, die nach Neuerkerode kamen, mich vorgestellt, und gesagt, dass ich zu den ersten gehörte, die nach Neuerkerode kamen. Ich habe den Herzogregenten aus Braunschweig meine Aufwartung gemacht und mich bei ihren Besuchen vor ihnen verbeugt.

Das war immer eine große Aufregung wenn die Herzoge aus Braunschweig kamen. Alles wurde rausgeputzt. Dreimal insgesamt sind der Herzog und die Herzogin gekommen. Überhaupt ist viel passiert, in den siebzig Jahren, die ich in Neuerkerode gelebt habe. Ich musste immer davon erzählen, wie es wuchs. 1875 war das Frauenhaus gebaut, dann die Kirche und 1895 Bethesda. Die Schulinternate Emmaus und Sarona waren 1902 eröffnet. Da kamen Kinder aus dem ganzen Herzogtum. Und auch viele junge Lehrerinnen. Dann war Zoar 1908 gebaut und auch das Krankenhaus, wir haben 1908 elektrisches Licht bekommen, und das Krankenhaus wurde neu gebaut. Der 1. Weltkrieg und die Zeit danach waren ganz schlimm, viele Menschen sind hier einfach verhungert oder an Seuchen gestorben. 1910 waren wir schon 455 Zöglinge und 80 Angestellte. 1928 wurde Sonnenschein gebaut und 1934 das Wabehaus. Ich habe immer viele Botengänge in die Dörfer rund um Neuerkerode gemacht. Da konnte ich voller Stolz erzählen, wie gut wir es haben. Bei Schwerkranken habe ich oft Nachwache gehalten. Der Direktor Broistedt hat einmal über mich geschrieben, ich wäre „der relativ Vernünftigste unserer Elitetruppe.“ 1908 wurde ganz groß das Jubiläum der Anstalt gefeiert. Und auch mir wurde eine große bunte Vierzig auf die Anzugjacke gestickt. Ich war richtig stolz auf mein Jubiläum. Da hat man sogar Fotografien von mir gemacht. Die Nazizeit die ich noch erlebt habe, war ganz schlimm. Angestellte, die früher ganz nett waren, stellten die Hakenkreuzfahne auf und ließen davor antreten. Knapp zwei Monate bevor ich gestorben bin, haben sie vier Menschen weggebracht. Die wurden umgebracht, von den Nazis, wurde erzählt.