Gustav Stutzer,der ein Haus für Geistesschwache baute

Ein Taler für den guten Zweck

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Blütenduft und Vogelsang drangen durch das geöffnete Fenster. Ich saß in meinem stillen Sommerarbeitszimmer in Erkerode mit Blick auf den Obstgarten und den Elm. Es war am 1. Mai 1867 und ich arbeitete an einem Artikel für das Volksblatt.

Eine kleine Faust klopfte an die Tür. Nine, meine liebe Tochter, brachte ein Paket, das die Botenfrau aus Braunschweig mitgebracht hatte. Darin lagen ein paar Stiefel für mich. Ich wollte den Papierbogen, in dem sie eingewickelt waren, schon wegwerfen, als ich eine Schlagzeile entdeckte: Es geschieht so viel für die Irren. Soll für die vielen Geistesschwachen, die unter uns leben, nichts geschehen? Wo können sie leben?

Ich hatte vor einigen Jahren auf einer Reise ein solches angeschaut, es hatte mich nicht mehr losgelassen.

Bei einer Hochzeitsfeier in Erkerode erzählte einer der Gäste von einem blödsinnigen Jungen in seinem Dorf, der eine rechte Plage sei. Im Irrenhaus hätten sie ihn nicht aufnehmen wollen. Ich erzählte ihnen von dem Haus, das ich gesehen hatte. Da zog einer der Bauern einen Taler aus der Tasche, für einen guten Zweck, das sei bei Hochzeiten und Kindstaufen so üblich. Nach kurzer Zeit lagen mehrere Taler vor mir auf dem Tisch.

Was daraus werden würde, konnte ich zu dem Zeitpunkt nicht ahnen. Aber diese Menschen hatten mir einen guten Fingerzeig gegeben. Und in dieser Nacht sah ich das Haus für die ärmsten Blödsinnigen schon fertig vor mir.