Oswald Berkhan,seiner Zeit voraus

Ein Mann mit Visionen

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Ich soll also meine Erinnerungen an Neuerkerode bemühen? Da gibt es Einiges zu berichten.

Und alles steht irgendwie im Kontext zu meiner Lebensgeschichte. Können Sie das verstehen, dass mein ganzes Leben ausgerichtet war, dem Wohl und Gut von behinderten Kindern Nutze zu tragen? Sie werden heute vielleicht sagen, dem Förderbedarf. Ich bin 1834 in Blankenburg geboren und 1917 in Braunschweig gestorben. Ich habe im Kaiserreich gelebt und war dort auch geistig verhaftet. Aber doch: Mein Medizinstudium hat mich gelehrt, alles dem Wohle der Vernachlässigten zu geben. Ich wurde schon merkwürdig betrachtet, als ich Sprachheilkurse für Stotterer anregte, nicht nur von den werten Kollegen. Viele Augen richteten sich dann auf mich, als ich mit Luise Löbbecke und Gustav Stutzer das Werk Neuerkerode in Angriff nahm. Ich war dort nach deren Gründung fast dreißig Jahre lang als beratender Arzt tätig. Mir war aber nicht nur an Frischluft und gesundem Essen für die Kranken dort gelegen, wichtig war mir, dass für sie, um die sich sonst weder Obrigkeit noch Volk kümmerten, dass dieses Neuerkerode ein Ort der Zuflucht werde. Dazu gehörte ein wohlstrukturierter Tag mit Arbeit, Lernen und Freizeit. Mir brachte das manch spöttisches Lächeln, oder ein Kopfschütteln ein. Heute würde das niemand mehr machen.