Christel Hertel,die Verwurzelte

Ein Apfel für ein Gänseei

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Wenn eine Tür offen stand, haben wir versucht, einen Blick zu erhaschen.

In meiner Kindheit war das Rittergut Beienrode ein sehr geheimnisvoller Ort. Oft haben wir im Park dort gespielt. Aber in das Haus durften wir nie, das war immer verschlossen. Einmal habe ich im Garten ein Gänseei gefunden. Das durfte ich natürlich nicht behalten. Ich habe an der Tür geklingelt. Mit viel Herzklopfen. Da durfte ich das erste Mal ins Haus. Zumindest ins Treppenhaus. Das war wirklich beeindruckend, die wuchtige Treppe, der Stuck, der große Leuchter. Dort stand auch eine große Schale mit Obst, aus der ich einen Apfel bekommen habe - als Belohnung für das Gänseei.

Als die Stiftung Neuerkerode 2001 das Haus übernommen hat, wurde alles geöffnet. Heute kann man jederzeit hineingehen, das Haus der Helfenden Hände ist ein wunderbarer Ort. Ich laufe oft durch die Räume und begegne vertrauten Menschen, auch meine Cousine lebt hier. In dem gemütlichen Café duftet es nach frisch gebackenem Kuchen. Den Park liebe ich noch immer. Bis vor einigen Jahren bin ich jeden Tag mit meinem Hund dort an der vor sich hin plätschernden Schunter spazieren gegangen.

Seit 80 Jahren lebe ich in Beienrode. In der Zeit hat sich eine Menge verändert. Und wenn ich es irgendwann nicht mehr schaffe alleine in meinem großen Haus, kann ich jederzeit hinübergehen. Es gibt dort sicher ein Zimmer für mich. Das gibt mir viel Sicherheit – zu wissen, dass ich meinen Heimatort nicht verlassen muss.